Christoph Scheuerecker sagoma 09.11.2007 - 07.12.2007
Christoph Scheuereckers Arbeiten entstehen aus dem Kopieren, Nachzeichnen und Neuzusammenstellen von bereits existenten Bildern und Bildteilen. Seine Objekte sind Abgüsse von Vorgefundenem in Wachs, Schwefel, Aluminium oder anderen Materialien.
Text zur Ausstellung s a g o m a Es gab eine Reihe von Hindernissen, die zu der Ausstellung
sagoma führten.
Eines davon, nicht unbedeutend, war, dass mir eine der beiden Hummeln
fehlte, die ich auf einen Silberbarren gelegt zeigen wollte. Es ist gar
nicht so leicht, jemanden zu finden, der eine Hummel zu bieten hat. Mein
Freund Uli Panick beispielsweise sagte sinngemäß: Das Bild
mit der toten Hummel auf dem Fensterbrett steht mir klar vor Augen. Aber
jedesmal, wenn ich hinschaue, ist sie nicht da. Im Lexikon ist sagoma übersetzt mit: Beim Googeln des Wortes sagoma wird man von einer weiteren
Fülle
an unerwarteter Information überrascht. Zum Beispiel finden sich
die Seiten von Konzernen wie Sagoma-Industries, deren Gebiet mir schleierhaft
geblieben ist, es gibt diese und jene schrullige Seite, viele auf italienisch
und schließlich blättert sich nach und nach der hitzige Diskurs über
einen "Vorfall" auf, der den verstorbenen Papst betrifft. Am
2. April dieses Jahres fand in Beskid Zywiecki, das in der Nähe
des Geburtsortes von Karol Woytyla liegt, eine religiöse Feier statt,
und man muss gleich erfahren, dass es sich um den Todestag von Johannes
Paul II handelt. Man stand im Freien, wahrscheinlich wurde gesungen,
eine Menge Menschen war anwesend und es wurde ein in der Folge hoch loderndes
Feuer angezündet. Die Flammen züngelten mehrere Meter empor
und ein polnischer Arbeiter fotografierte nebenbei mit seiner Digitalkamera,
nichts Ungewöhnliches bis dahin. Dann durchstreifte die Uhrzeit
den exakten Todeszeitpunkt des Pontifex und die Flammen verwandelten
sich für einen Augenblick in einen großen, geisterhaften,
menschenähnlichen Schemen. Das ist zumindest auf dem Bild zu sehen.
Und man kann sagen: In diesem Augenblick begannen die Probleme. Denn
die einen deuteten die Flammenform sofort als Figur, in der der verstorbene
Papst ihnen erschienen war. Folglich: ein Wunder. Folglich: Es ist höchste
Zeit, den Mann heilig zu sprechen. Keine Umwege mehr über Seligsprechung,
keine Zeitvergeudung durch bislang kirchlich gebotenes Abwarten, sofort
Nägel mit Köpfen machen. Die Flammenerscheinung, die auf dem
Foto zu sehen ist, wird im Italienischen als sagoma bezeichnet. Der Corriere
della Sera übrigens druckte das Bild wenige Tage später ab,
was vielen als Bestätigung galt. Der Vatikan allerdings zaudert,
und ich kann mir vorstellen, dass den hohen kirchlichen Herren eine Erscheinung
wie diese alles andere als angenehm ist. Da kommt ein Haufen unliebsame
Arbeit auf sie zu. Es muss beispielsweise die Echtheit der Aufnahme geprüft
werden, was im Zeitalter der digitalen Bildmanipulation das Schwierigste
ist. Ferner muss geklärt werden, ob die Erscheinung, la sagoma,
wirklich als päpstlicher Auftritt zu deuten ist. Hier melden sich
sarkastische Stimmen aus der italienischen Bloggerszene. Einer witzelt,
die Flamme sei wohl die Folge eines Ozonlochs über Polen. Ein anderer
antwortet, die Flamme sehe eher aus wie Obi Wan Kenobi, und man solle
lieber den heilig sprechen. Das ist ein Witz, über den man mitten
in der Nacht, wenn man plötzlich aufwacht, noch lachen kann. Denn
Obi Wan Kenobi aus dem Film- monument der Star-Wars erteilt aus dem Jedi-Ritter-Jenseits
als halbdurchsichtiger Schemen dem jungen Luke Skywalker teuflisch weise
Ratschläge. Auf einer wei-teren Seite wird die tausendmal gesehene
Tanzpose von John Travolta aus Saturday-Night-Fever in die Flamme hineininterpretiert.
Auch das passt wie ein Maßanzug. Viele sehen in dem verstorbenen
Papst sowieso einen Popstar. Mit Manfred Ellenrieder hatte ich ein Gespräch über das Vorfinden. Er hatte zugesagt, einen Text für einen Katalog zu schreiben, und er brauchte einige Anhaltspunkte. Ich sagte: Was diesen Gesichtspunkt betrifft, unterscheiden sich meine ersten Arbeiten, die zwanzig Jahre alt sind, in nichts von den heutigen. Er sagte: Was wir sagen wollen, läßt sich mithilfe des bereits Bestehenden sagen. Wir müssen nichts erfinden, sondern die Augen offen halten. Für das Verfahren der künstlerischen Aneignung hat Manfred Ellerieder vor einigen Jahren den Begriff "Originalkopie" geprägt. Soweit ich das verstanden habe, bezeichnet er damit sowohl die Auswahl als auch die Umwandlung von vorgefundenem Material. Man balanciere dabei auf einer Kippe, sagt er sinngemäß: links die Fremdheit des Materials, rechts das Verhängnis der Autorenschaft. Als ich das Buch Honiggeschichten herausgebracht hatte und es einer befreundeten Dichterin schenkte, sagte sie vorwurfsvoll: "Du machst ja alles". Sie meinte: erst den Honig, dann die Gussobjekte, die Zeichnungen, die Intarsien, das Stempeln und zu allem Überfluss noch ein Buch. Sie hat natürlich recht, und vielleicht sagt sie dasselbe auch diesmal beim Betreten der Galerie. Zumindest sind die Arbeiten heute thematisch gebündelt. Alles dreht sich um Insekten, genauer um Hummeln und Bienen. Christoph Scheuerecker
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Der Goldene Faden
Ausstellung werkschau.galerie
Atelier Christoph Scheuerecker 2007
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